Interview mit Dieter Baumann

Wir haben uns mit Dieter Baumann für ein Interview zusammengesetzt! – Dem Sieger der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona über 5000m. Ausserdem hält Baumann den aktuellen deutschen Rekord auf 5000m und 10000m. Wir schwelgen in der Vergangenheit und sprechen über seine Karriere, Erlebnisse beim Tübinger Stadtlauf, zu denen unter anderem der Sieg 1997 gehört, sowie aktuelleren Themen rund um das Thema Laufen.  

Hallo Dieter, danke für deine Zeit. Lass uns gleich am Anfang deiner Lauf-Bahn loslegen.  

 

Wie kamst du zum Laufen und wann war dir klar, dass du daraus mehr machen kannst als nur ein Hobby? 

Ich habe vermeintlich spät angefangen. Von Haus aus, würde ich sagen, war ich ein Fußballer. Ich kannte gar keine anderen Sportarten. Ich habe bis zu meinem 16. Lebensjahr hochintensiv Fußball gespielt. Ich habe jeden Tag trainiert und auf der Gasse Fußball gespielt.  Ja, in meiner Generation gab es das noch, dass Kinder auf der Gasse Fußball gespielt haben. Dann habe ich in der Schule einen 1000m Lauf gemacht und der Lehrer hat zu mir gemeint, ich solle doch mit der Leichtathletik anfangen. Ich wusste gar nicht was Leichtathletik ist, bin dann aber trotzdem mal hin. Da bin ich dann sehr gut gelaufen und es fiel mir von Anfang an leicht. Mit 18 bin ich dann deutscher Jugendmeister geworden und da war mir dann schon klar: Ja, das kann ich. Mit dem Laufen habe ich meine Sportart gefunden.  

 

Das klingt nach einem ziemlich schnellen Ein- und Aufstieg. 

Ja, ein sehr schneller Aufstieg. Wobei der dadurch begründet war, dass ich schon Leistungssport gemacht habe. Eben im Fussball. Da habe ich jeden Abend im Training verbracht. Von dem her war der Aufstieg für mich nicht so rasant. Jeden Tag Sporttreiben gehörte schon zu meinem Leben.  

 

Wie oft bist du beim Tübinger Stadtlauf am Start gestanden? 

Das habe ich nicht mehr genau im Kopf, muss ich zu meiner Schande gestehen. Als Athlet glaube ich drei oder vier Mal. Als Freizeitläufer zwei Mal.  

 

Wie ist es als Olympiasieger in der Wahlheimat zu laufen und zu gewinnen? 

Ich bin in dem Jahr nach Tübingen gezogen und ich gebe zu, zu gewinnen war für mich Prestige. Das wollte ich unbedingt. Da bin ich auch so gelaufen. Das haben glaube ich alle im Feld gespürt. Da war ich wirklich hochmotiviert. Beim Stadtlauf ist mir das so nicht mehr gelungen wie 1997.  

 

Im selben Jahr hast du auf 5000m und 10000m den noch existenten deutschen Rekord aufgestellt. 1997 scheint ein gutes Jahr für dich gewesen zu sein?! 

1997 war schon herausragend.  Da gibt es wenig, was ich in einem anderen Jahr besser gemacht hätte. Es war wirklich ein extrem aussergewöhnliches Jahr. Wir hatten weltweit auf 5000m und 10000m eine sehr hohe Leistungsdichte. Es gab einige Hochkaräter, die den Weltrekord auf 5000m fast in jedem Rennen erneut verbessert haben. Ich war zwar Olympiasieger aber nie ein Seriensieger. Bei den Meetings war ich eher Platzierter als Sieger. Als „Fußvolk“ blieb dir nichts anderes übrig als mitzulaufen, wenn ein Haile Gebrselassie kam und gesagt hat, er läuft heute Weltrekord. Das hat uns allen in dieser Zeit die Möglichkeit gegeben, immer schnelle Rennen zu haben. Bei jedem Meeting gab es die Gelegenheit auf Rekordjagd zu gehen. Selten wurde taktiert und nur um den Sieg gelaufen. In Zürich bin ich dann unter 13 Minuten, also deutschen Rekord, gelaufen. Ich kam aber auch teilweise 200m später oder gar überrundet ins Ziel. 

 

War der Tübinger Stadtlauf 1997 ein fester Wettkampf auf den du hingearbeitet hast oder ein Wettkampf, den du aus Spass an der Freude in der Heimatstadt mitgenommen hast? 

Ich hätte eigentlich schon 1996, nach den Olympischen Spielen in Atlanta, in Tübingen laufen sollen. Da wurde ich aber krank und musste absagen. Das war bitter, weil ich wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass ich nach Tübingen ziehen werde. Dementsprechend wollte ich unbedingt 1997 laufen. Für mich war der Stadtlauf, sofern ich fit war, immer das Ende der Saison und ich wollte ein gutes Ende. Es war nicht just for fun. 1997 wollte ich gewinnen. 

 

Was ist deine liebste Erinnerung an den Stadtlauf? 

Es gibt viele Momente. Ich durfte den Lauf als Athlet, Zuschauer und Organisator erleben. Ich  fand aber ganz witzig, als ich den Triathlon-Weltmeister Daniel Unger nach Tübingen zum Stadtlauf eingeladen habe. Ich war nur noch Hobbyläufer und er wollte nur starten, wenn ich auch mitlaufe. Wir sind beide mit drei Minuten pro Kilometer angelaufen. Zu schnell für uns beide und wir sind jämmerlich eingebrochen. Ein ganz tolles Erlebnis. Die Arroganz und dann der Fall [lacht]. Wir mussten beide im Ziel lachen, weil wir den Freizeitläufern immer einbläuen langsam anzulaufen. Wir zwei machten es natürlich nicht.  

 

Also beide stark angefangen und noch stärker nachgelassen?  

Genau so [lacht]. 

Warum hast du dir den Tübinger Stadtlauf 2003 als letzten Wettkampf in deiner aktiven Karriere ausgesucht? 

Ich wollte nach 2002 eigentlich umsteigen auf Marathon, um 2004 bei der Olympiade auf dieser Distanz zu laufen. In der Vorbereitung 2003 habe ich viele Verletzungen gehabt und gemerkt, dass der Marathon nicht meine Strecke ist. Ich bin kein Langstreckenläufer. Ich habe gemerkt, ich möchte die Spiele nicht laufen und die Zeit ist rum. Die innere Bereitschaft war nicht mehr da. Ich bin 2003 bei der Weltmeisterschaft ausgestiegen und wollte nicht mit einem Rennen aufhören, bei dem ich aufgegeben habe. Dann war mir klar, ich wohne in Tübingen, ich mache hier meinen letzten Lauf und alles ist gut. Ich wurde zweiter. Es war ein total guter Abschluss.  

 

Kannst du deine Trainingsumfänge aus der Vergangenheit quantifizieren? 

Ich habe nicht so viel Wert auf Umfang, also Wochenkilometer, gelegt. In den ersten Jahren bis 1992 hatte ich einen Wochenschnitt von circa 115km. Das ist eigentlich wenig für die 5000m. Von 1994 bis 1997 hatte ich dann um die 130km pro Woche im Schnitt. Das Maximum waren 160 Kilometer in einer Woche. Ich habe nie Spitzen gesucht. Das hätte ich gar nicht überstanden. 

 

Hat sich das Training heutzutage verändert? 

Es werden immer neue Wege gesucht. Ich war eher dafür, Dauerläufe locker zu machen und die Tempoläufe zu betonen. Heute habe ich den Eindruck, man macht die Dauerläufe sehr viel schneller aber lässt bei den Tempoläufen auch nicht nach. Das ist für mich ein bisschen ein Mysterium. Die werden in allen Bereichen schneller. Das Niveau im Training ist nach meinem Empfinden höher wie zu meiner Zeit.  

 

Wenn du einen Trainings-Mythos aus der Welt schaffen könntest, welcher wäre das? 

„Seit ich langsam trainiere, laufe ich schneller“. Dieser Slogan kommt aus einer Zusammenarbeit mit Polar, als das Pulsmessen im Training in Mode kam. Diesen Mythos würde ich heute ein bisschen aufbrechen. Man sollte, meiner Meinung nach, breit gefächert trainieren. Nicht nur im moderaten Pulsbereich. Es geht auch mal zur Sache. 

 

Das war erstmal unser Teil. Jetzt kommen Fragen aus den sozialen Medien. Wir haben Fragen von unseren Abonnenten auf Instagram und Facebook gesammelt und folgende drei herausgesucht.  

 

Was war dein schlimmster Wettkampf und warum?  

1995 die 5000m Weltmeisterschaft in Göteburg. Ich war eigentlich der Favorit und hätte meiner Meinung nach gewinnen müssen. Es war so ein Tag, an dem ich beim Einlaufen schon gemerkt habe, dass ich zu diesem Wettkampf nicht den richtigen Zugang finde. Es war ein Rennen wie für mich gemacht. Es war schön langsam und ich hätte nur meinen Endspurt platzieren müssen. Ich war irgendwie gefangen und wurde im Mittelfeld achter. Eine Woche später bin ich dann den damaligen deutschen 5000m Rekord in 13.01 gelaufen. Die Form war da, aber nicht zur richtigen Zeit.  

 

Während dem Marathontraining eher auf Herzfrequenz oder Pace achten? 

Für den Freizeitbereich würde ich auf die Herzfrequenz gehen. Dafür muss man seine Trainingsbereiche aber genau kennen, durch eine sportmedizinische Untersuchung.  

 

Meinung zu Carbonplatten in den Laufschuhen?  

Eine Entwicklung die für den Spitzenbereich toll ist. Man läuft einfach ökonomischer und schneller. Es ist allerdings erst ab einem gewissen Tempo sinnvoll, was ein Problem für den Freizeitbereich ist. Die Carbonplatte federt nicht in Vortrieb zurück, sondern nach oben in die Hüfte, bei zu geringer Geschwindigkeit und abgeknickter Hüfte. Die Lauftechnik muss für eine Carbonplatte im Schuh, schon sehr gut ausgeprägt sein. Für den Freizeitbereich würde ich es mit Vorsicht genießen.  

 

Vielen Dank für deine Antworten, Dieter.